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Retreatvortrag


Kann man die Welt und unser Leben verstehen?

Von Stephan Bielfeldt

Nach einem Retreatvortrag, Tag 5, Schlagsülzdorf, 09. Okt. 2013


In was für einer Welt leben wir eigentlich? Und was ist unsere Rolle in dieser Welt? Ist diese Welt so beschaffen, dass wir darin ein sinnvolles, erfüllendes Leben führen können, oder ist unser Dasein in Wahrheit völlig bedeutungslos? Solche und ähnliche Fragen und Zweifel sind niemandem von uns fremd. Können wir uns jetzt in diesem Moment einmal damit befassen? Es geht mir nicht darum, auf diese Fragen Antworten zu finden. Können wir zusammen schauen, wie sich ein solches Thema in uns entfaltet, uns den Fragen in meditativer Weise nähern? Das heißt, können wir gewahr im Hier und Jetzt bleiben und voll bewusst den Worten, Bildern und damit verbundenen aufsteigenden Gefühlen zuhören?


Erklärt uns die Wissenschaft den Lebenssinn?

Forschung und Wissenschaft haben in einem Zeitraum von nur wenigen Jahrhunderten unser Weltverständnis vollständig revolutioniert. Die Erklärungen sind dabei immer komplexer, gigantischer und unglaublicher, geworden. Die meisten von uns ignorieren diese neuen Erkenntnisse, zumindest im alltäglichen Leben. In der Regel haben wir Menschen ein diffuses intuitives Weltverständnis, das aus unserer eigenen täglichen Anschauung und Erfahrung erwächst. Es enthält praktische beobachtete Elemente, die es nur von unserem Standpunkt aus gibt, wie zum Beispiel oben und unten. Oben ist der Himmel und unten die Erde, auf der wir stets im Mittelpunkt von allem sind.

Im mittelalterlichen, christlichen Weltbild ist diese direkte intuitive Anschauung sehr gut zu erkennen. Sie wird nicht nur beschrieben sondern auch religiös gedeutet. Gott hat oben und unten, Himmel und Erde erschaffen. Dies tat er für uns Menschen, die Krone der Schöpfung. Gott bleibt der Himmel vorbehalten und uns Menschen ist die Erde gegeben, um sie in Besitz zu nehmen. In diesem Weltbild sind wir von zentraler Bedeutung. Im wahrsten Sinne kreist alles um uns Menschen!


Was können wir heute von dieser erstaunlichen Welt intellektuell verstehen?

Eine direkte, stille Anschauung von uns selbst und der Welt um uns herum ist uns einfach so gegeben, ohne dass wir irgend etwas tun oder erklären müssten. Aber wir möchten das gegebene nicht nur erfahren, wir wollen es auch mit dem Verstand begreifen und selbst verstehen ist uns noch nicht genug, wir wollen gestalten, beherrschen, besitzen.

Ich persönlich interessiere mich für Kosmologie und Biologie. Bringen uns diese Wissenschaften befriedigende Erklärungen? Die Kosmologie sucht mit wissenschaftlichen Methoden Antworten auf Fragen wie: Wie ist dieses Weltall beschaffen? Wie alt ist es? Wie ist es entstanden? Was wird daraus werden? Die Biologie dagegen möchte ergründen, wie das Leben und letztendlich wir Menschen entstanden sind und was aus uns wohl wird. All diese Fragen entziehen sich unserer direkten Anschauung und deshalb hat man in vorwissenschaftlicher Zeit darauf mit Mythen, wie dem mittelalterlichen christlichen Weltbild geantwortet. Beobachtet man unsere Welt mit technischen Hilfsmitteln, die unseren Erfahrungsraum drastisch erweitern, wie zum Beispiel dem weltraumgestützten Hubble Teleskop, Spektrometern zur Messung der kosmische Hintergrundstrahlung oder Radioteleskopen, stellt sich unsere Welt wundersam und erschreckend zugleich dar. Wir leben in einer kosmischen „Explosion“, die, wie man aus den astronomischen Beobachtungen abgeleitet hat, vor 13,8 Milliarden Jahren begonnen hat Dieser Prozess hat Raum, Zeit und Materie hervorgebracht und ist noch nicht zu Ende. Das All dehnt sich noch immer aus und beschleunigt sich dabei sogar. Aus einem praktisch raumlosen Gebilde hat sich in unvorstellbar kleiner Zeit ein gigantischer Raum aufgetan, der so schnell so groß wurde, dass das Licht, das seitdem unterwegs ist, noch nicht einmal den ganzen Raum hat durchmessen können. Deshalb, wenn man fragt: „Wie groß ist das Weltall?“, sagen die Astronomen: „Das wissen wir nicht.“ Wir wissen nur, wie groß das sichtbare Weltall ist. Da sich nichts schneller als Licht bewegt, haben wir keine Information über den Raum, der weiter weg ist, als die Strecke, die das Licht seit seiner frühesten Entstehung vor etwa 13,8 Milliarden Jahren zurücklegen konnte, um gerade jetzt bis in unsere Messgeräten zu gelangen. Auf jeden Fall ist die Ausdehnung des Weltalls größer als 13,8 Milliarden Lichtjahre. Gigantisch, wenn man bedenkt, dass unsere Sonne nur etwas mehr als 8 Lichtminuten (ca. 150 Millionen Kilometer) von uns entfernt ist. Und in diesem erstaunlich großen Kosmos ist durch Abkühlung Materie kondensiert, aus der sich Sternenwelten, Galaxien gebildet haben. Man schätzt, dass im sichtbaren Weltall etwa hundert Milliarden Galaxien existieren. Eine von diesen Galaxien ist unsere Milchstraße. Gestern war es ein bisschen trübe, da hat man sie nicht gesehen. Aber die Nächte davor war sie deutlich mit bloßem Auge sichtbar. Ein wunderschönes schwach leuchtendes Band, eine milchige Zone, die sich von Horizont zu Horizont über den Himmels-Zenit hinweg erstreckt, wie ein Nebel, aber nicht aus Wassertröpfchen, sondern aus Sternen. Zählungen mit großen Teleskopen haben ergeben, dass unsere Milchstraße mehrere hundert Milliarden Sterne enthält, unvorstellbar viele Sterne. Und dabei soll unsere Milchstraße nur ganz durchschnittlich groß sein. In beinah jeder Galaxie vermuten die Forscher so viele Sterne. Irgendwo, nahe dem sogenannten Orionarm der Milchstraße gibt es einen nicht besonders großen Stern, unsere Sonne und um die Sonne, auf Position 4, kreist ein kleiner blauer Planet, den wir Erde nennen. Über sechs Milliarden Menschen leben jetzt auf der Erde. Menschen, die sich im Mittelpunkt sehen, sich lieben und streiten, Bündnisse bilden und Kriege führen. Menschen, die Dinge erbauen, Hütten und Wolkenkratzer, Windräder und Atomkraftwerke. Menschen die ihren Garten pflegen oder großflächig Regenwälder abholzen, die die Meere erforschen oder sie achtlos überfischen, nur um Tierfutter aus dem Fang zu machen.

Schaut man sich einen einzelnen Organismus an und verwendet die erweiterten Sinnesorgane der Biologen und Humanforscher, wie zum Beispiel Elektronenmikroskope oder ein MRT, einen funktionellen Magnetresonanztomografen, mit der man das lebende Gehirn gefahrlos bei der Arbeit beobachten kann, finden sich ebenfalls Wunder über Wunder. Unbegreiflich komplex ist so ein menschlicher Organismus. In einem großen Gehirn, wie dem unsrigen finden sich etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Ist es Zufall, dass sich diese astronomische Zahl im Großen wie im Kleinen immer wiederholt? Jedenfalls sorgt das bisher nicht gut verstandene komplexe Zusammenspiel von Nervenzellverbänden und neuronalen Feldern dafür, dass unser Körper funktioniert, dass wir denken und fühlen können und dass wir in diesem Moment, da wir das hören unseres Seins als wahrnehmende, Denkende und fühlende Wesen gewahr werden.

Das alles ist wunderbar aber auch erschreckend, nicht wahr? Erschreckend, weil wir erkennen müssen, dass wir winzig sind und überhaupt nicht von zentraler Bedeutung sind in diesem Weltall. Es gibt immer noch Menschen, die hoffen, dass das Leben zumindest einzig ist und nur auf unserem Planeten existiert. Dadurch würden wir wieder etwas ins Zentrum rücken. Aber betrachten wir einmal die neuesten Fakten: Die Erforschung von Planeten außerhalb unseres Sonnensystems hat ergeben, dass beinahe jeder Stern ein Planetensystem aufweist und unzählige erdähnliche Planeten in der habitablen Zone um ihr Muttergestirn kreisen. Auf vielen dieser Planeten soll es flüssiges Wasser geben und damit die Möglichkeit zum Leben, wie wir es kennen. Unsere Biosphäre ist also wohl nur eine von vielen.

Was uns auch an den neuen Erkenntnissen erschreckt ist, dass wir gerade durch den enormen Zugewinn an Wissen, immer weniger von dieser Welt und unserem Leben überschauen. Mythische und religiöse Weltbilder sind durch die neuen Erkenntnisse weggefallen, aber die Wissenschaften beantworten die existenziellen Fragen nach unserer Herkunft und unserer Bestimmung nicht. Wir stehen vor einem Berg ungeheuerlicher Fakten. Je mehr wir erfahren haben, je mehr wir wissen, desto mehr Fragen stellen sich, desto erstaunlicher wird alles, und wir müssen zugestehen: Wir verstehen all das nur bruchstückhaft. Wir wissen nicht einmal, wie und warum wir willentlich unseren kleinen Finger heben können. Selbst Neurologen und Hirnforschern geht das so.

Betrachtet man all die verwirrenden Erkenntnisse, stellt sich nicht zwangsläufig die Sinnfrage? Warum gibt es diese Welt überhaupt? Was bedeutet unser kurzes Leben in einer solchen immensen Welt. Ich persönlich empfinde mein Leben als sehr kurz. 54 Jahre auf einem Planeten der schon 4,6 Milliarden Jahre existiert und auf dem es seit mindestens 3,5 Milliarden Jahren Leben gibt. Die vergangenen Lebensjahre sind, wenn ich zurückdenke, nichts als eine Menge Erinnerungen. Die Zeit ist einfach verflogen. Was hat das wohl für einen Sinn?

Wie sind wir überhaupt in diese Welt kommen! Wir fanden uns plötzlich hier und begannen, uns wahr zu nehmen. Und wie gehen wir aus dieser Welt? Auch das, ein großes Rätsel. Tod ist für uns immer der Tod der anderen. Unseren eigenen Tod haben wir noch nicht erlebt. Wo ist der Sinn? Gibt es einen Sinn im Leben, im Tod? Diese Fragen stellen wir nicht den Wissenschaftlern, denn die haben in der Regel bekannt, dass sie darauf keine Antworten wissen.


Kann uns Religion die Sinnfrage beantworten?

Meistens werden in uns bei der Frage nach dem Sinn religiöse Vorstellungen wach. Werden wir nach dem Tod vielleicht wieder geboren? Sind wir in Wahrheit geistige Wesen, die sich über viele Leben entwickeln? Einige sagen, sie haben Erinnerungen an frühere Leben. Allerdings sagten mir selbst Menschen, die sich sogenannten Reinkarnationstherapien unterzogen haben, ganz sicher sind sie sich nicht, dass es sich bei den aufgestiegenen Bildern um Erinnerungen an frühere Leben handelt. Ich selbst habe keine solchen Erinnerungen. Ich will es nicht ausschließen, dass es frühere Leben gibt, aber warum sollte ich ohne persönliche Erfahrung daran glauben? Die Verlockung, die eigene Person aufzuwerten und in einen größeren Zusammenhang zu stellen ist natürlich groß. Ich denke, deshalb ist der Glaube an Wiedergeburt auch so weit verbreitet. Ein solcher Glaube ist eine Möglichkeit, auf mythische Weise Lebenssinn zu stiften. Wenn es Wiedergeburt gibt, dann durchschreiten wir vielleicht ganz viele Stufen und wandeln uns über die Zeiten bis zu einer Vollendung, die wir für dieses kurze Leben nicht für möglich halten. Irgendwann müssen wir dann nicht mehr wiedergeboren werden. Unser Lebensziel ist erreicht. Spürt ihr die Verlockung des Gedankens und die mit solchen einfachen Sinn stiftenden Erklärungen aufkommende positive Energie?

Christliche religiöse Vorstellungen gehen davon aus, dass wir am Ende des Lebens wieder auferstehen. Vielleicht sogar in ein Paradies kommen, oder wenn wir schlimme Taten begangen haben, in der Hölle enden. Diese Vorstellung ist vielleicht hier in dieser Runde von Meditierenden eher unpopulär, aber auch diese Vorstellung ist einfach und sinnstiftend, nicht wahr? Man kann daran glauben, erfahren wird man darüber aber erst etwas nach seinem Tode, wenn es denn wahr sein sollte. Auch hinter diesem Glauben steckt ein sinnstiftender Gedanke. Wir erleiden hier unser Leben, um uns für das Paradies zu läutern. Die erstaunlichen, unverständlichen Dinge, die in dieser Welt geschehen, Folter und Mord, Vergewaltigung, Krieg, Zerstörung, das muss ja alles einen Sinn haben, zumindest muss am Ende wieder Gerechtigkeit herrschen. Gott wird die gerechten mit dem Paradies belohnen und die bösen, die solch schreckliche Dinge tun, in der Hölle schmoren lassen.

Wird es am Ende Gerechtigkeit geben? Auch in diesem Fall möchten wir so gerne ja sagen. Der Gedanke erzeugt Hoffnung und eine positive Energie, nicht wahr? Solch eine Vorstellung tröstet uns und stimmt uns gegenüber all den Gräueln in dieser Welt etwas versöhnlicher.

Wir wollen so gerne, dass unser Leben einen Sinn hat. Dass wir nicht umsonst leben. Und wir wollen, dass das Leben immer weiter geht, wir niemals enden. Es macht uns Angst zu denken, dass uns vielleicht ein radikales Ende bevorsteht, unser Leben einfach aufhört, unser Gehirn zerfällt und sein gesamter Inhalt gelöscht wird. „Nein“ schreit es in uns auf, „dann wäre ja das ganze Leben umsonst. Es kann nicht alles gelöscht werden, es gibt bestimmt ein kosmisches Bewusstsein, in dem unsere Erinnerungen bewahrt werden.“ Dies ist wieder so ein sinnstiftender, tröstlicher Gedanke, der jenseits unserer Erfahrungen liegt.

Ich persönlich habe in religiösen und philosophisch-metaphysischen Erklärungen und Vorstellungen nie etwas gefunden, was mich vollständig überzeugt hätte, so dass ich daran ohne Zweifel hätte glauben können. Was ich aber verstanden habe ist, dass man diesem Leben so wie es ist, begegnen, es erleben und ertragen kann, in all seinen Widersprüchen, Wundern und Schrecknissen, in all seiner Unbegreiflichkeit und Unvorhersehbarkeit.


Kann die Frage nach dem Sinn aufhören?

Wollen wir in einem religiösen Buch oder in unserer eignen Gedankenwelt einen Lebenssinn finden und dann daran glauben, mit all den Zweifeln, die dazu gehören, oder gibt es etwas, das so überzeugend ist, so klar und direkt, dass wir es nicht glauben müssen, sondern es direkt und über allen Zweifeln erhaben, erfahren können? Gibt es etwas vollkommen heiles, ja heiliges, das uns in unserem Leben direkt begegnen kann und all unsere Fragen nach dem Lebenssinn verstummen lässt?

Kann man diese Frage stellen, ohne eine Antwort zu suchen, also meditativ in sich hinein fragen und mit der Frage still werden? Wenn Gedanken und Vorstellungen still sind, sind auch alle Konzepte und Erklärungen still, die Emotionen beruhigen sich und damit unsere Wünschen und Begierden. Der Wunsch, einen Lebenssinn zu finden, hört einfach auf.

Was sind wir, wenn wir einmal für einen Moment den gesamten Ballast von Vorstellungen, Ideen und Wünschen über Bord geworfen haben, niemand? All unsere Vorstellungen, wie unser Leben sein sollte, was aus uns noch werden soll, was wir nach dem Tod sein werden. Was ist, wenn das einfach vollständig still wird! Können wir für einen Moment komplett inne halten und dem inneren und äußeren Trubel entsagen? Vielleicht müssen wir ja gar nicht alles verstehen? Dieses Gehirn mag zwar gigantisch sein, in seinen Ausmaßen und seiner Komplexität. Aber das Weltall ist noch gigantischer. Wie kann das Kleinere das Größere verstehen? Am Ende wird es da für uns Menschen kein vollständiges gedankliches Verstehen geben, also warum nicht einmal auf alle Erklärungen verzichten. Kann unser Verlangen, unser Wunsch, dass wir fortbestehen mögen, unsere Angst plötzlich aufzuhören, unsere Sorge, andere Menschen, die wir lieben zu verlieren, kann das alles einmal still werden? So still, dass wir in vollkommener Lebendigkeit da sind, aber aufhören, ein getrenntes Wesen zu sein. Es ist dann wie der Beginn dieses Weltalls. Wir sind ein raumloser, zeitloser Punkt, in dem alles vereint ist, ungetrennt, ganz. Es fehlt nichts. Die Welt wird dadurch nicht besser oder schlechter. Kein Verbrechen wird dadurch gesühnt, keine gute Tat belohnt. Aber alles ist, wie es gerade jetzt ist.

Ist es OK, wenn der Denkprozess einmal so radikal zur Ruhe kommt? Ist diese Welt dann, so wie sie ist, für einen Moment in Ordnung, ohne dass wir das Geringste hinzufügen und uns nicht einmal als getrennte Wesenheit wahrnehmen? Da schreit es doch gleich in uns auf: „Nein, das ist nicht in Ordnung!“ Es ist alles unverständlich und schrecklich: Was uns geschieht, was anderen geschieht, alles ist so ungerecht, voll von Katastrophen, die auch schon morgen über uns selbst hereinbrechen könnten. Wer schützt mich vor all dem, wenn ich auf jegliche Aktivität und Identität verzichte?

Aber so meine ich das nicht mit dem OK. Was ich meine ist: Kann man einfach still aber gewahr mit allem verharren, das uns gerade jetzt, in diesem Moment, gegeben ist? Ohne zu versuchen uns zu erklären? Ohne etwas zu beschönigen oder schlecht zu machen? Einfach sagen: „Ich weiß nicht, ob es etwas heiles oder heiliges gibt!“ In dieses Nicht-Wissen, dieses Ohne-Wissen-Gewahrsein, in diese Dunkelheit eintauchen, wie sie sich gerade jetzt entfaltet. Kann man direkt beobachten und verstehen, dass all unser Nachdenken, all die vielen Gedanken, die ich hier geäußert habe, nichts weiter sind, als unser im Gehirn aufgespeichertes Wissen. Gedanken und Bilder sind doch nur Erinnertes, das durch eine geeignete Assoziation in unserem Bewusstsein wieder wach gerufen wird, nichts als Vorstellungen und Ideen. Sie sind etwas, das sich ständig ändert, denn ständig speichert unser Gehirn neue Eindrücke ab. Wieder hervorgeholt, sind sie nicht mehr neu, es sind alte Bilder, Gedanken, Ideen, die gerade hier und jetzt in unserem Kopf auferstehen, einen Moment verweilen und dann wieder vergehen.

Das Mysterium des stillen Gewahrseins ist, dass, wenn es eingetreten ist, nicht etwa alles zu Nichte wird, nein, im Gegenteil, es manifestiert sich eine erstaunliche unbeschreibliche Lebendigkeit und Ungetrenntheit. Unbeschreiblich, weil der Prozess des Beschreibens still geworden ist, ungetrennt, weil niemand mehr da ist, der als separat wahrgenommen wird. Erfahrt es selbst, ich bin überzeugt, stilles Gewahrsein ist uns allen in natürlicher Weise gegeben.

Festigt sich diese Stille etwas, verändert sich unser gesamtes Erleben. Haben wir zuvor geglaubt, dass Gedanken und Gefühle notwendiger Weise die Stille verdrängen müssten, erfahren wir die Stille jetzt als etwas grundlegendes, etwas in dem alles geschieht, Atem, Körpergefühl. Es mag erstaunlich klingen, selbst ein ruhiger Fluss von Gedanken und Gefühlen, verscheucht sie nicht.

Stilles Gewahrsein stellt sich ein, wenn, zumindest für eine Weile alles Suchen, Wünschen und Wollen aufhört. Wir erleben uns als heil, wenn all unsere Ich-Aktivität endet, wenn wir auf dem stillen Grund unseres Seins angekommen sind.

Ist dieses stille Gewahrsein ein seltener Ausnahmezustand, der nur in stillen Retreats einmal auftaucht, oder hat er eine Bedeutung für unser tägliches Leben? Es ist sicher gut, für einige Tage in die Stille zu gehen, wenn man stilles Gewahrsein erfahren möchte. Aber es finden sich immer wieder auch im Alltag Momente, in denen es sich Gewahrsein unverhofft einstellt. Es ist oft unspektakulär und so bemerken wir es nur nicht.

In unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ist es so hilfreich, wenn sich einmal stilles Gewahrseins einstellt, denn es ermöglicht uns wirkliches Zuhören. Probiert es aus! Gerade, wenn sich eine schwierige Kommunikation anbahnt, stellt der Körper viel Energie bereit. Kann man dann interessiert, aufmerksam und still werden und wirklich aus dieser Stille zuhören?

Wenn wir still und gewahr sind, ist unser Körper ein erstaunlich sensibles Instrument. Wenn wir nichts begehren, nichts loswerden wollen unsere Vorlieben und Abneigungen nicht aktiv sind, ist eine einfache Offenheit da und wir sind ganz von alleine mit allem in Kontakt und Resonanz. Unser Körper ist von Natur aus mit allem ausgestattet, was für zwischenmenschliches Verstehen nötig ist. Wir können höchstens mit unserem inneren Lärm verhindern, dass er richtig funktioniert.

In unserem Gehirn haben Forscher vor nicht allzu langer Zeit Nervenzellen mit erstaunlichen Funktionen entdeckt. Sie heißen Spiegelneurone, und das ist es auch, was sie tun, sie spiegeln. Es sind Zellen, die auf die Emotionen eines anderen Lebewesens ansprechen. In uns lösen Sie die Emotion aus, die zum Beispiel gerade unser Gegenüber ausdrückt. Wir sehen nicht nur, unser Gegenüber ist traurig, wir empfinden seine Trauer auch körperlich. Nicht unbedingt in der gleichen Intensität, aber Trauer löst in uns Trauer aus, und auch Freude und andere Gefühle empfinden wir direkt und körperlich mit. Dass wir Menschen Mitgefühl haben können, ist sicher nichts Neues, aber wie tief und körperlich Mitfühlen in uns verankert ist, ist nicht allen Menschen klar.

Habt Ihr einmal beobachtet, wann wir wirklich im Fluss sind, in Harmonie mit uns selbst, den anderen Lebewesen und unserem Tun? Es ist, wenn dieses stille Gewahrsein aktiv ist und nicht von zu viel Denken und zu starken Emotionen zugedeckt wird. Dann sehen wir, wie es dem anderen geht. Und wir werden gleichzeitig mühelos gewahr, wie es uns selbst geht. Dieses ganzheitliche Sehen ist oft schon eins mit unserem Handeln, ein Handeln ohne Konflikt, spontan aus dem Gefühl von Richtigkeit heraus. Viel Denken ist meist dazu nicht nötig, oft stört Denken eher.

Liebe und Mitgefühl entfalten sich nur, wenn unsere kontinuierliche Ich-Aktivität einmal still ist. Wenn wir nicht pausenlos denken, kommentieren, innerlich diskutieren, begehren oder abwehren. In stillem Gewahrsein fließt es einfach zwischen uns Menschen. Dann fließen wir mit, werden getragen vom Strom des Lebens, den wir nicht verstehen, von dem wir aber nicht getrennt sind.

Lasst uns die Liebe nicht im Weltall suchen. Sie findet sich hier, in diesem erstaunlichen Wesen Mensch. Hier, in unserer täglichen kleinen Welt der Begegnungen, ist Liebe möglich. Eine Liebe die nichts mit begehren zu tun hat, sondern Ausdruck unserer natürlichen Verbundenheit ist.

Vieles von dem, was wir uns antun kommt daher, dass wir bis zum Rand mit Ideen und Vorstellungen, Wünschen und Hoffnungen angefüllt sind. Wir sind überfüllt mit dem, was wir werden wollen oder schon geworden sind, mit der Verteidigung unserer Claims, die wir für uns abgesteckt haben und mit dem, was wir glauben zu sein, und was andere nicht herausfordern dürfen.

Kann man mit Allem einmal still werden und sich eingestehen: Ja, diese Welt ist zu gewaltig, zu groß, um sie zu verstehen und auch das, was wir unser Selbst nennen, werden wir nie vollständig verstehen können. Dazu ist unser Geist einfach nicht befähigt.

Kann unser Anspruch einmal abfallen, unser Wollen, unser ständiges Drängen nach Erklärungen, nach Verständnis, einfach ruhig werden? Dann, ist ein offenes Gewahrsein plötzlich da, spontan und ungerufen. In dieser Offenheit und Stille sind wir verbunden, sind ganz und vollkommen, so wie wir wirklich sind, unbeschreiblich aber voller Lebendigkeit und Dynamik, in einer Natürlichkeit, die uns einfach gegeben ist. Da ist nichts zu verstehen oder nicht-zu-verstehen, nichts zu tun, sondern einfach nur was ist. Es offenbart sich uns in einem stillen Retreat oder vielleicht auch in unserer Alltagswelt. Die Möglichkeit, zu diesem stillen Punkt zurück zu kehren, besteht auf jeden Fall immer. So, wie sich Nebel einmal lichten kann, kann die Überfüllung in unserem Kopf abebben. Das, was dann bleibt ist Gewahrsein, Hier-Sein in Kontakt sein mit dem stillen Wesensgrund. Einfach sein mit dem, was ist, ohne verstehen zu müssen. Ein Fließen in diesem wundersamen Fluss des Lebens, in Verbundenheit und ohne jedes Warum oder Bedürfnis, nach dem Sinn zu fragen.