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Meditation in der Gruppe, im Retreat, im Alltag



Texte von Stephan Bielfeldt


Meditation ohne Religion - Wie geht das?

Wenn Meditation frei und offen angeboten wird - ohne Religion und ohne Tradition - was ist es dann noch? Zen-Meditation kommt aus Japan und ist im Buddhismus verwurzelt. Aber ist es das, worauf es essenziell ankommt? In diesem Rahmen sind Praktiken entstanden, die sich als hilfreich erwiesen haben und dies hat Toni Packer beibehalten, auch als sie im neuen Center Meditation ohne Tradition und religiöse Bindung anzubieten begann. Wenn man aus dem Stress des alltäglichen Lebens kommt, kann dies irritierend wirken.

Da ist zum Beispiel das Schweigen, sowohl verbal, als auch körperlich, also mit nur wenigen Gesten oder Blicken. Man verbringt einige Zeit in Stille, alleine oder zusammen mit anderen und es wird nicht gesprochen. Kein Plaudern, kein kurzer aufmunternder Blick zur Begrüßung oder freundlichen Bestärkung - Gewohnheiten, die schlicht wegfallen und gerade dadurch Raum und Zeit geben, sich mit dem zu beschäftigen, was jetzt gerade ist. Vielleicht - nicht nur, wenn man dies zum ersten mal erlebt - zeigt sich Unsicherheit, Angst, die Sorge, die entsteht, wenn man nicht ständig versichert bekommt, dass der andere einem positiv zugewandt ist. Und es steigen Gedanken auf, die sonst so wahrscheinlich nicht bewusst werden würden. Es ist keine Notwendigkeit, auf den anderen einzugehen, weil sich Menschen getroffen haben, die jeder für sich - und doch gemeinsam - dem nachgehen möchten, was unser tägliches Verhalten und unsere (auch gewohnheitsmäßigen) Gefühle sich selbst und anderen gegenüber, bedingt.

Wir sitzen auf Meditationskissen und -matten, Stühlen oder Hockern, und nicht in einer vorgeschriebenen Haltung. Für viele ist es wichtig, sich jede Runde anders zu setzen, um Verspannungen vorzubeugen, andere haben eine bevorzugte Haltung, die für sie bequem ist. Auch hier gibt es keine traditionellen Annahmen, welche Haltung "meditativer" oder sonst förderlicher ist. Allgemein gilt, dass der Körper schon durchblutet werden sollte, denn auch wenn man nur 25 Minuten still sitzt, kann man sich sehr verspannen oder z.B. die Beine "einschlafen" oder schmerzen. Sitzen in Stille, ohne körperliche Bewegung ist nicht als Übung gedacht, sondern als eine Möglichkeit, dem Geist Raum zu geben, zu entdecken, wie automatisch wir normalerweise reagieren. Wenn wir still sitzen, sind wir vielleicht reglos, aber genau wie das Nicht-Sprechen nicht zwingend aber vielleicht zu innerer Stille führt, so kann auch die Tatsache, dass man sich nicht bewegt, die Aufmerksamkeit auf sonst unbeachtete Aspekte lenken. Vielleicht wird der Atem neu und anders bewusst, vielleicht sind da gewohnheitsmäßige Bewegungen, die sonst unbemerkt ablaufen und jetzt in neuem Licht erscheinen.

Vielleicht ist es aber auch einfach nur entspannend, sich Zeit zu gönnen, es sich bequem zu machen und mit anderen zusammen zu sein. Einfach als Mensch da sein, ohne etwas sagen oder tun zu müssen.

Es ist nichts vorgeschrieben, außer, dass man die anderen möglichst wenig zu stören versucht.



Meditationswochen

Wenn wir uns zu Meditationsrunden treffen, dann sitzen wir üblicherweise 25 Minuten und nach einem Glockenton ist ca. 5 Minuten Zeit sich zu strecken, auf die Toilette zu gehen, oder in einer Runde in Bewegung zu sein und im Gehen den Körper, den Raum und die Gruppe zu erleben. Dann folgt wieder eine Runde Meditation.

Wie viele Runden Meditation angeboten werden, ob eine größere Pause dabei ist, in der etwas gegessen werden kann, oder ob man anschließend noch miteinander über Dinge spricht, die während der Meditation auftauchen, wird vorher abgesprochen.

Und Meditationswochen - sind im Grunde genau so. Man lässt sich mehr Zeit für die Meditation, was aber nicht bedeutet, dass man immer und jede Runde in der Sitzhalle sein muss. Für viele sind Spaziergänge sehr erholsam, wenn man die Landschaft anschaut, den eigenen Körper spürt, die Bewegung, den Atem.

Auch in der Meditations-Woche wird grundsätzlich nicht gesprochen. Zettel liegen aus für Mitteilungen, die nötig sind und die Zeit haben. Wenn es einfacher - und damit oft auch leiser - ist, dann kann mit einer Hand auf das Salz oder die Schüssel gezeigt werden, die man gerne hätte. Und im Notfall spricht man ganz natürlich miteinander.

Gesprochen wird aber auch in Gruppen- und Einzelgesprächen über Fragen, die in der Meditation oder durch den Vortrag auftauchen. Oder über Gedanken, die jemand beschäftigen, seien es Ängste und Vorstellungen, oder auch über die Freude, wenn alte Programme klar gesehen wurden und ihre Macht verlieren - oder was auch immer. Das sind nicht Treffen zwischen Schüler und Lehrer oder Neuling und Fortgeschrittenem. Es sind zwei Menschen, die sich Offenheit und Vertrauen entgegenbringen. Und Interesse, das aufgebrachte Thema unvoreingenommen gemeinsam frisch anzuschauen. Neu.


Im Alltag

In den Wochen, aber vielleicht auch schon in einer ersten Sitzrunde kann der Wunsch auftauchen, etwas von dem Erlebten, vielleicht von der Entspannung, der Stille oder der Ruhe, mit in den Alltag zu nehmen. Das ist als Wunsch normal, so sind wir konditioniert im Festlegen und Planen, wie etwas ist oder in Zukunft sein sollte. Frisch in Stille zu schauen ist aber keine Methode und auch nicht planbar. Es passiert einfach so. Vielleicht im Alltag, in einem besonderen Moment, oder in einem ganz normalen. Vielleicht bemerken wir die offenen Momente nicht - oder erinnern sie hinterher nicht - weil sie zu kurz waren oder weil danach zu viel passiert ist. In äußerer Stille zu sitzen, also an einem Ort, der still ist, ohne sich zu bewegen, kann den Raum schaffen, in dem Gewahrsein sich ausbreitet und bewusst wird. Das Gewahrsein kann immer da sein, auch im Stress, auch im Alltag, aber wir vernebeln unsere Sicht immer wieder mit Gewohnheiten und alten Erinnerungen. Aber wenn man den alten Gewohnheiten immer mehr auf die Schliche kommt, immer mehr entdeckt, wie und auf welche Art sie sich wie ein Film vor unsere Wahrnehmung drängen und unser Verhalten beeinflussen, dann wird es wahrscheinlicher, dass sie beim nächsten Mal, wenn sie entstehen, frisch gesehen werden. Im Alltag.